Frauengesundheit
Warum Frauen im Büro frieren und was das mit Longevity zu tun hat
24. Januar 2026 · Von Dr. B.J. Huber · 6 Min. Lesezeit
Das Thermostat, das für Männer gemacht wurde
Es klingt wie ein schlechter Witz, ist aber wissenschaftlich belegt: Die Temperaturstandards, nach denen die meisten Bürogebäude klimatisiert werden, stammen aus den 1960er-Jahren. Sie basieren auf dem Ruhestoffwechsel eines 40-jährigen Mannes mit rund 70 Kilogramm Körpergewicht (Kingma & van Marken Lichtenbelt, 2015). Das Ergebnis: Die meisten Büros werden auf etwa 20 bis 22 Grad Celsius gekühlt, ein Bereich, der für Männer als angenehm gilt. Für Frauen ist er das oft nicht.
Was die Forschung zeigt: Kälte kostet Frauen kognitive Leistung
2019 veröffentlichten Tom Chang (USC) und Agne Kajackaite (WZB Berlin) eine viel beachtete Studie in PLOS ONE: Battle for the thermostat: Gender and the effect of temperature on cognitive performance. In einem kontrollierten Experiment mit 543 Teilnehmenden wurden mathematische, sprachliche und kognitive Aufgaben bei Raumtemperaturen zwischen 16 und 33 Grad Celsius durchgeführt.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Frauen lösten bei höheren Temperaturen signifikant mehr Aufgaben korrekt. Pro Grad Celsius Temperaturanstieg stieg ihre Leistung in Mathematik um 1,76 Prozent. Bei Männern zeigte sich ein umgekehrter, aber deutlich schwächerer Effekt: Ihre Leistung sank pro Grad um etwa 0,6 Prozent (Chang & Kajackaite, 2019).
Das bedeutet konkret: In einem durchschnittlichen Büro bei 20 Grad arbeiten viele Frauen unterhalb ihres kognitiven Potenzials, nicht weil ihnen Kompetenz fehlt, sondern weil die Umgebungstemperatur ihren Körper in einen milden Stresszustand versetzt.
Warum Frauen anders auf Kälte reagieren: die biologischen Grundlagen
Der Unterschied ist nicht Einbildung. Er hat biologische Ursachen, die sich auf mehreren Ebenen zeigen.
Geringere Muskelmasse, weniger Wärmeproduktion. Frauen haben im Durchschnitt 33 Prozent weniger fettfreie Körpermasse als Männer, aber nur 18 Prozent weniger Körperoberfläche. Das bedeutet: Sie verlieren relativ gesehen mehr Wärme, als sie produzieren. Die sogenannte Ruhestoffwechselrate, also die Energie, die der Körper im Ruhezustand verbraucht, liegt bei Frauen deutlich niedriger. Studien zeigen, dass die traditionellen Modelle den weiblichen Stoffwechsel um bis zu 35 Prozent überschätzen (Yang et al., 2021).
Hormonelle Steuerung der Temperaturregulation. Östrogen beeinflusst direkt, wie der Körper mit Temperatur umgeht. Es fördert die Vasodilatation, also die Erweiterung der Blutgefässe, was dazu führt, dass Frauen Wärme schneller über die Haut abgeben. Gleichzeitig wirkt Östrogen auf neuronale Schaltkreise im Hypothalamus, die für die Körpertemperaturregulation zuständig sind (Mauvais-Jarvis et al., 2021). Progesteron wiederum erhöht die Kerntemperatur leicht, was erklärt, warum das Temperaturempfinden im Laufe des Menstruationszyklus schwankt: In der Lutealphase, wenn Progesteron hoch ist, frieren viele Frauen weniger als in der Follikelphase.
Stärkere periphere Vasokonstriktion. Bei Kälteexposition verengen sich die Blutgefässe in den Extremitäten bei Frauen stärker als bei Männern. Die Folge: kalte Hände und Füsse, ein klassisches Symptom, das nicht harmlos ist. Es signalisiert dem Körper, dass er Energie umverteilt, weg von den Extremitäten, hin zum Kern. Das ist eine Stressreaktion (Castellani & Young, 2016).
Von der Produktivität zur Zellalterung: Die Longevity-Perspektive
Hier wird es für alle interessant, die sich mit Langlebigkeit beschäftigen: Die Auswirkungen dauerhafter Kälteexposition gehen über kurzfristige Produktivitätsverluste hinaus.
Chronischer Kältestress erhöht Cortisol. Wenn der Körper ständig gegen Kälte ankämpft, aktiviert er die Stressachse (HPA-Achse). Das bedeutet: mehr Cortisol, das Stresshormon, das in kleinen Dosen nützlich ist, bei chronischer Erhöhung aber Entzündungsprozesse fördert, den Blutzucker destabilisiert, Muskeln abbaut und die Immunabwehr schwächt. Genau jene Mechanismen, die auch bei chronischem psychischem Stress die Zellalterung beschleunigen.
Cortisol und Telomere. Die Verbindung zwischen chronischem Stress und verkürzten Telomeren, den Schutzkappen unserer Chromosomen, ist gut erforscht. Epel et al. (2004) zeigten, dass dauerhaft erhöhte Stresshormone die Telomere messbar verkürzen. Neuere Metaanalysen bestätigen, dass nicht der basale Cortisolspiegel, sondern die Stressreaktivität, also wie stark der Körper auf Stressreize reagiert, mit kürzeren Telomeren assoziiert ist (Mathur et al., 2016). Frauen, die acht Stunden täglich in einem Büro sitzen, das für ihren Stoffwechsel zu kalt ist, befinden sich in einem dauerhaften, niedrigschwelligen Stresszustand, der genau diese Reaktivität erhöht.
Immunfunktion unter Druck. Kälteexposition unterdrückt verschiedene Komponenten der Immunantwort: Die Lymphozytenproliferation sinkt, die Aktivität natürlicher Killerzellen nimmt ab, und Entzündungsmarker können steigen (Castellani & Young, 2016). Wenn man bedenkt, dass chronische Entzündung einer der Haupttreiber vorzeitiger Alterung ist, ein Prozess, den Forscher als Inflammaging bezeichnen, wird deutlich: Es geht hier nicht nur um Komfort.
Hormonelle Dysbalance. Dauerhafte Kälteexposition kann den ohnehin sensiblen hormonellen Kreislauf zusätzlich belasten. Erhöhtes Cortisol drückt Progesteron. Die Schilddrüse muss mehr arbeiten, um die Wärmeproduktion aufrechtzuerhalten. Und bei Frauen, die sich in der Perimenopause befinden, können diese zusätzlichen Belastungen bestehende Symptome wie Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme verstärken.
Was du konkret tun kannst
Die gute Nachricht: Du bist der Situation nicht hilflos ausgeliefert. Hier sind drei Ansätze, die auf verschiedenen Ebenen wirken.
Reguliere deine Umgebung aktiv. Das klingt banal, wird aber unterschätzt. Schichten-Kleidung, eine Wärmflasche am Arbeitsplatz, warme Getränke über den Tag verteilt, all das hilft dem Körper, weniger Energie für die Wärmeregulation aufwenden zu müssen. Wenn du die Möglichkeit hast, die Temperatur in deinem Arbeitsbereich zu beeinflussen, nutze sie. Die Forschung zeigt, dass ein Bereich um 24 bis 25 Grad für gemischte Teams die beste Gesamtproduktivität liefert.
Stärke deine Thermoregulation über den Lebensstil. Muskulatur ist dein grösster Wärmeproduzent, aber nicht nur auf mechanische Weise. Wenn du trainierst, schüttet der Muskel das Myokin Irisin aus. Irisin hat die faszinierende Eigenschaft, weisses Speicherfett in metabolisch aktives, wärmendes braunes Fettgewebe (Brown Adipose Tissue, BAT) umzuwandeln – ein Prozess, der als „Browning” bezeichnet wird. Frauen haben von Natur aus oft etwas mehr BAT als Männer, aber bei chronischem Stress, Bewegungsmangel oder in der Perimenopause nimmt dessen Funktion ab. Krafttraining ist also dein effektivster Hebel, um deine innere Heizung biologisch aufzurüsten.
Behalte deine Hormone im Blick. Wenn du häufig frierst, lohnt sich ein genauerer Blick auf deine Schilddrüsenwerte (nicht nur TSH, sondern auch fT3 und fT4), deinen Eisenstatus (Ferritin, nicht nur Hämoglobin) und gegebenenfalls deine Sexualhormone. Schilddrüsenunterfunktion und Eisenmangel gehören zu den häufigsten, aber am meisten übersehenen Ursachen für Kälteempfindlichkeit bei Frauen.
Fazit
Die Temperatur im Büro ist kein Luxusthema. Sie beeinflusst, wie gut Frauen denken, wie viel Stress ihr Körper kompensieren muss und langfristig, wie schnell ihre Zellen altern. Die Forschung zeigt klar: Büros, die auf den männlichen Stoffwechsel ausgerichtet sind, benachteiligen Frauen nicht nur in der täglichen Leistung, sondern potenziell auch in ihrer Gesundheitsspanne.
Das Bewusstsein dafür ist der erste Schritt. Der zweite: aktiv gegensteuern, auf der individuellen Ebene durch Lebensstil und Prävention, und auf der strukturellen Ebene durch ein Umdenken in der Arbeitsplatzgestaltung.
Quellen
- Chang, T. Y. & Kajackaite, A. (2019). Battle for the thermostat: Gender and the effect of temperature on cognitive performance. PLOS ONE, 14(5), e0216362.
- Yang, L. et al. (2021). Gender differences in metabolic rates and thermal comfort in sedentary young males and females at various temperatures. Energy and Buildings, 251, 111360.
- Mauvais-Jarvis, F. et al. (2021). The Effects of Estrogens on Neural Circuits That Control Temperature. Endocrinology, 162(8), bqab087.
- Kingma, B. & van Marken Lichtenbelt, W. (2015). Energy consumption in buildings and female thermal demand. Nature Climate Change, 5, 1054–1056.
- Epel, E. S. et al. (2004). Accelerated telomere shortening in response to life stress. PNAS, 101(49), 17312–17315.
- Mathur, M. B. et al. (2016). Perceived stress and telomere length: A systematic review, meta-analysis, and methodologic considerations. Brain, Behavior, and Immunity, 54, 158–169.
- Castellani, J. W. & Young, A. J. (2016). Human physiological responses to cold exposure. Autonomic Neuroscience, 196, 68–74.